Sonntag, 21.08.2011

…natürlich hatte ich gestern keine Lust mehr, noch irgendwo hin zu laufen. Zumal ich auch nur grob gewusst hätte, in welche in Richtung. Leider hatte ich meinen falschen Reiseführer eingepackt. Ich bin zum einen unterwegs mit einem Polyglott, zum anderen mit einem Marco Polo. Jeder der beiden hat seine entschiedenen Vor- und Nachteile. Obwohl der Polyglott, fast schon snobbistisch,  hauptsächlich die teuren Unterkünfte und Restaurants aufweist ist er recht detailliert in dem, was es zu sehen gibt (heißt hier: er geht auch auf kleinere Ortschaften und nicht nur die absoluten Highlights ein). Der Marco Polo ist sehr auf die Highlights und Zentren konzentriert, da aber umso genauer. Den Marco Polo hätte ich mit nach Canberra nehmen müssen (hier war der Hauptstadt immerhin eine Seite mehr gewidmet und es gab Hinweise zu Kneipen etc), hatte aber den Polyglott dabei (wenige Zeilen, eine Hotelempfehlung, ein teures Restaurant) … Nun ja, es hätte wahrscheinlich auch nichts geändert.

Nachdem ich meine Reisführer und sonstige Informationsquellen durchsucht hatte, hatte ich mein Hotel in Canberra nach dem Standort ausgewählt – auf dem Capitol Hill, am Randes des Regierungsviertels. Auf dem Stadtplan sah alles, was empfohlen wurde, ziemlich nah aus, also dachte ich, ich mache hier nichts falsch. Prinzipiell auch richtig so – das Hotel war sehr schön und nicht unweit der Museen und des Parlamentgebäudes sowie der Kneipenszene in Kingston gelegen. Der einzige Fehler, den ich begangen hatte war, dass ich die Entfernungen vollkommen unterschätzt habe. Was auf dem Stadtplan aussah wie ein fünfminütiger Spaziergang war tatsächlich ein Unterfangen von 20 – 30 Minuten. Canberra ist als Hauptstadt auch ausgesprochen schlecht ausgestattet, was öffentliche Verkehrsmittel angeht, sodass man nicht einmal diese Möglichkeit hätte nutzen können. Es gab auch keine Sightseeing-Busse. Eigentlich gab es überhaupt keine Anzeichen von Leben in dieser Stadt, wären da nicht die vielen Autos gewesen (klar, hier ist man auf ein Auto genauso angewiesen wie auf dem Land, die Busse fahren vom Hotel ins Zentrum nicht häufiger als die von Laubach nach Usingen). Den Abend verbrachte ich dann am Ende hauptsächlich am Computer (Kommunikation mit Familie und Freunden, Recherche für die Reise etc) und anschließend mit einem Bier und Chips aus der Minibar („Fühlen Sie sich nicht schuldig, wenn Sie Chips und Bier aus der Minibar nehmen – bei Rydges können Sie beides kombinieren und zahlen nur 7 Dollar!“ – na da hab ich mich doch gar nicht mehr schuldig gefühlt, das sind schließlich gängige Preise für beides zusammen, wenn man im Laden einkauft) und „Harry Potter und der Halbblutprinz“ und im Anschluss „die 50 schönsten Harry Potter Momente“ auf Channel 9. Ich habe es genossen.

Nachdem ich gestern schon ewig rum gelaufen war und eigentlich wenig gesehen hatte wollte ich heute mit meinem Rucksack (auch wenn ich nur den kleinen Rucksack mit hatte, aber nach 10 km wird auch der schwer) auf dem Buckel noch weniger rum laufen. Also nahm ich nach dem Check-Out um 10 Uhr einen der seltenen Busse in Richtung des zentralen Busbahnhofs, um bei Greyhound nachzufragen, ob sie mein Ticket von 17 Uhr auf einen früheren Zeitpunkt umschreiben können. Nun, das nächstfrühere wäre 20 Minuten später gewesen – das war mir dann doch ein bisschen arg früh, zumal ich noch nicht gefrühstückt hatte. Also ließ ich mein Ticket auf 14 Uhr umschreiben und begab mich erst mal auf Nahrungssuche. Ich hatte, als ich aus dem Linienbus ausgestiegen war, schon gesehen, dass da ein paar Geschäfte waren und begab mich also wieder in diese Richtung und fand auch schnell einen Imbiss, der leckere Pancakes verkaufte (meine ersten hier – das war ein Muss). Anschließend lief ich ein bisschen ziellos in der Gegend rum und stieß auf ein Einkaufszentrum. Ich dachte so bei mir, dass ich ja irgendwie meine Zeit rum kriegen muss und ging rein. Da war mir auf einmal auch klar, wo die angeblichen 330.000 Einwohner von Canberra alle waren – hier. Das Canberra Center ist wirklich eines der schöneren Einkaufszentren und mit 80 Geschäften und fast genauso vielen Cafés, Restaurants und Imbiss-Ständen kann man hier auch prima seine Zeit verbringen. Und alles nah beieinander! Das und die Tatsache, dass die Sonne nun doch noch raus kam, haben mich ein bisschen mit Canberra versöhnt. Ich habe dort tatsächlich in Windeseile 2 Stunden Zeit tot geschlagen, war in einigen Geschäften drinnen und habe mir, um meine Sammlung an Reiselektüre zu vervollständigen, den „Lonely Planet – Discover Australia“ gekauft. Zwei Dinge seien hierzu gesagt: zum einen hatte ich mir in Deutschland schon den „normalen“, konventionellen Lonely Planet über Australien gekauft. Den ohne bunte Bilder, für den man erst mal einen Kurs belegen muss, damit man aus ihm schlau wird. Den Brocken, der über 1 kg wiegt. Ich habe ihn, nicht zuletzt wegen seines Gewichts, zu Hause gelassen. Zum zweiten ist der „Discover Australia“ ein ganz anderes Kaliber – weniger umfangreich, mit vielen bunten Bildchen, trotzdem noch mit guten Tipps zu Unterkünften und Speisemöglichkeit in angemessenem Budget und längst nicht so schwer wie die ursprüngliche Bibel der Backpacker. Zu einem stolzen Preis von 49 Dollar (in Australien sind Bücher überhaupt unverschämt teuer habe ich bei meinem Streifzug durch die durchaus schöne Buchhandlung feststellen müssen) habe ich ihn also erstanden und werde ihn ab morgen studieren. Nachdem ich also ausreichend Zeit in dem schönen Einkaufszentrum totgeschlagen hatte ging ich zum Bus und begab mich auf die Rückfahrt nach Sydney. Die Fahrt war toll – die Landschaft zwischen Sydney und Canberra fand ich wirklich schön. Grüne Hügel, grasige Weiten, Wälder, Schluchten (ein bisschen erschreckend, wenn man aus dem Busfenster die ganze Zeit den Wald auf Augenhöhe beobachtete, der dann auf einmal von einer 80 m tiefen Schlucht unterbrochen wird und man schaut ohne Vorwarnung da runter und denkt nur „Sch*** ist das hoch!“), wirklich schön.

In Sydney habe ich dann auf dem Weg zu meinem geliebten B&B noch in einem nahegelegenen Pub Rast gemacht, einen wunderbaren Hähnchen-Burger gegessen und 2 Bier getrunken – ich wollte feiern, wieder in Sydney zu sein bzw. überall anders als in Canberra zu sein!

Auf der Busfahrt habe ich, wenn ich nicht gerade aus dem Fenster heraus die Natur bewundert habe, in meinem zweiten mitgebrachten Buch gelesen: „Frühstück mit Kängurus“ von Bill Bryson, das mir meiner Schwester noch am Frankfurter Flughafen geschenkt hatte. Ein ganz wunderbares Buch. Ganz anders als der Autor des vorhergehenden Buches kann Bryson mehr über sich selbst lachen als alle anderen – ein ausgesprochen sympathischer Mensch! Er schreibt wirklich sehr lustig und charmant über seine Erlebnisse, Begegnungen und Ängste auf seiner Reise durch Australien. Klar, Altmann und Bryson erzählen beide ähnliches aus der Geschichte des Landes, aber Bryson immer mit noch einem charmanten Detail mehr. Während Altmann es hinter allen Übertreibungen für nötig hält zu erläutern, dass dies nun eine Übertreibung war, schreibt Bryson einfach so vollkommen übertrieben, dass es auch gar nicht nötig wird, dazu zu sagen, dass das nun vielleicht nicht genauso passiert ist. Ein wunderbares Buch und ich freue mich schon jetzt drauf, gleich weiter drin zu lesen. Warum ich das jetzt anbringe: Als der Bus langsam aus Canberra und den entsetzlich deprimierenden Vororten raus fuhr las ich also und kam bald zum nächsten Kapitel, in dem er über seinen eigenen Besuch in der Hauptstadt schreibt. Ich musste so oft lachen, dass mich die anderen Leute im Bus schon komisch anschauten und insgeheim alle froh waren, dass sie sich in dem vollen Bus nicht neben mich oder gar in meine Nähe gesetzt hatten. Egal, denn was Bryson zu Canberra zu sagen hat entspricht so sehr meinen Empfindungen zu dieser Stadt, dass ich selbst das nicht hätte treffender schreiben können.  Seinen entscheidenden Ratschlag für Canberra, der mir sehr weitergeholfen hätte, wenn ich ihn nur vorher gelesen hätte lautet: „Wenn Sie jemals nach Canberra fahren, rate ich Ihnen, Ihr Hotel niemals ohne einen ordentlichen Stadtplan zu verlassen, einen Kompass, Proviant für mehrere Tage und einem Handy mit der Nummer des Rettungsdienstes.“

Bilder aus Canberra unten - ich war beim Runterlden von der Kamera selbst überrascht, dass es so viel hübscher aussah, als es eigentlich war... :-)

Samstag, 20.08.2011

Heute früh um 9 Uhr ging also mein Bus los nach Canberra. Ich habe auf Frühstück bei Mary J und Peter verzichtet (ich kann so früh nichts essen). Habe mir am Bahnhof dann ein echt schlechtes Croissant geholt, das ich nicht mal zur Hälfte gegessen habe (Vorgeschichte).

Die Busfahrt nach Canberra war eigentlich ganz schön. Bisschen durch die Landschaft fahren und in der Gegend rum schauen. Am ersten Zwischenstopp allerdings in Parametta setze sich eine ältere Dame neben mich (obwohl im gesamten Bus vielleicht 10 Leute saßen und sie sich bequem woanders hätte hinsetzen können). Ich bin dann irgendwann umgezogen, weil mir das zu blöd war (so viel verschwendeter Raum, dafür lasse ich mir nicht in die Rippen schubsen).

In Canberra angekommen habe ich angefangen in Richtung meines Hotels zu laufen. Bin erst mal beim falschen angekommen (zwar die gleiche Hotelkette, aber halt nicht das richtige) und habe mir dann  ein Taxi zum richtigen gegönnt. Da bin ich auch froh drum, denn es war noch ganz schön weit. Canberra ist eine merkwürdige Stadt in meinen Augen. Das Architekten-Ehepaar, das Canberra entworfen hat (wirklich aus dem Nichts geschaffen, als sich darauf geeinigt wurde, dass es die Landeshauptstadt sein soll) hatte das erklärte Ziel, alles weitläufig und grün zu gestalten. Nun, das ist ihnen gelungen. Weitläufig ist es hier definitiv (man muss überall hin weit laufen) und es gibt unendlich viele Parks und Grünanlagen entlang der Straße (also auch grün stimmt). Und am See ist es wirklich sehr schön. Aber sonst kann ich dieser Stadt bisher nicht viel abgewinnen. Die Außenbezirke haben einen unverkennbaren 50er Jahre „Charme“ mit kleinen Plattenbauten und Bungalows.

Im Hotel angekommen war ich los gezogen, um was zu Essen zu suchen (wie gesagt, halbes Croissant)- Ihr wisst, was großer Hunger bei mir auslöst. Ich lief hier über eine Stunde rum, bis ich dann im National Portrait Museum endlich Nahrung fand. Bin anschließend am See lang gelaufen bis Kingston und zurück zum Hotel. Hier ist es mal wirklich kalt und so müde wie ich heute bin natürlich gefühlt noch kälter.

Morgen werde ich hier noch ein bisschen rumlaufe, bis dann nachmittags endlich mein Bus zurück nach Sydney fährt. Mal schauen, ob ich mich heute Abend noch mal aufrappeln kann, die 2 km zur nächsten Kneipe zu laufen…


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